Ich setze ein Ausrufezeichen hinter den Titel, weil es für mich klar ist. Dieser Duft stammt aus einer anderen Zeit! Während heute vieles bunt, laut und egoman erscheint, entwickelt sich dieser Duft als Auszeit. Für all jene, die es satt haben, von Douglasverkäuferinnen "eingedieselt" zu werden, weil sie schon längst die "Natur" einiger stiller Düfte nicht mehr riechen können, ist dieses "schwarze" Wässerchen pure olfaktorische Erholung. Doch wer meint, es sei belanglos und flach, wird sicher eines besseren belehrt werden. Dieser Duft verkörpert nicht nur Stille, nein, auch und vor allem Konzentration! Er ist streng, wie ein Lehrmeister, aber wenn man ihn an sich heranläßt, entwickelt sich aus dieser Streng ein klares Bild. Mich erinnert er an Kaligraphy. Ein weis(s)es Blatt Papier, als Synonym für den gelehrigen Schüler, der von schwarzer Tinte beschrieben werden will. Zuerst ein demütiger Zuhörer, der durch Strenge, Konzentration und Leidenschaft mit der Zeit selbst zum Meister wird. Ein Meister wie Alfred Hitchcock. Ich glaube Hitchcock hätte diesen Duft geliebt. Er hätte seine Storyboards mit dieser schwarzen Tinte selbst gemalt und diesen Duft an seinem Set getragen um seine Protagonisten noch ein wenig mehr an die dunkle Aura seiner Filme zu gewöhnen. Wer hier aber meint, ein "Friedhofswasser" zu testen, wird widerum eine Überraschung erleben. Es wäre nicht "Encre Noire" wenn die Hölzer das Ganze nicht abmildern und sogar auflockern ließen. Dadurch wird es nie zu streng, nie zu morbide oder untragbar. Ganz im Gegenteil! Während des gesamten Duftverlaufs schwingt, trotz der dominanten Eleganz der Hölzer und dem Tiefschwarzem, eine Leidenschaft mit, die immer wieder daran erinnert, das "Stille Wasser" tief sind und aus dieser Tiefe immer wieder neue Eindrücke erwachsen und seinen Träger überraschen. Aber linear. Keine unnötigen floralen Experimente, keine modischen Spielereien. Er ist und bleibt klar! Dafür braucht man(n) Lebenserfahrung. Am Besten eine, in schwarzer Tinte geschriebenen Vita, die von Leidenschaft, Neugier, Beharrlichkeit und dem Sinn für Eleganz zeugt... Und irgendwann ist man selbst der Meister!
Encre noire ist klar ein Sonderduft - eigenartig, tief, dunkel, kühl, holzig, still. Namen trifft sehr gut zu - schwarze Tinte, Holz vom Tintenfass. Eins meiner Lieblingsdüfte, leider nicht so stark und hält nicht sehr gut aus. Wenigstens nicht auf meiner Haut...
Zu diesem Duft habe dank zweier Rezensenten von parfumo.de gefunden, von welchen einer die Assoziation zu der Figur des Eric Draven (Brandon Lee) im Film "The Crow" zog (Anm.: ein sehr düsterer Charakter/Film) und der andere im Wortlaut schrieb: "Encre Noire könnte Batman in einer dunklen Winternacht tragen, am besten, wenn er zum Lachen in den Kohlenkeller fliegt.".
Es ist wohl meiner Zuneigung zu eben jenen Figuren, sowie zu "nicht-gefälligen" Düften zu verdanken dass dies meine Aufmerksamkeit erregte. Und ich sollte nicht enttäuscht werden, denn die genannten Vergleiche passen wie Bruce Waynes Faust auf Jokers Auge: Encre Noir ist ein "dunkler" (in diesem Kontext als gelungenes Gegenstück von "frisch") und holziger, jedoch nicht "abweisender" Vetiver-Duft und wird wahrscheinlich mein künftiger Begleiter in regnerischen Herbst- und langen Winternächten. Da ärgert es mich richtig, dass es jetzt gerade wieder Frühling wird...
(Florian, 14.04.11)
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