Es gibt eine Schublade in meiner Küche, die sich kaum noch schließen lässt. Darin lagern Rezepte aus mehr als vier Jahrzehnten: ausgedruckt, handgeschrieben oder heimlich mit leicht schlechtem Gewissen aus Zeitschriften und Wartezimmer-Lesemappen gerissen, sobald sich irgendwo eine Gelegenheit bot. Dazu Kochbücher, die kulinarisch die halbe Welt umrunden – von Japan über Israel bis Thailand und in die Karibik. Gekocht habe ich die wenigsten Rezepte. Ebenso wenig wie ich meine Küchengeräte oder die Gewürzsammlung für jede denkbare Lebenslage wirklich brauche. Kochen findet bei mir seit langem vor allem theoretisch statt – in meinem Kopf.
Ich liebe es, mich mit Essen zu beschäftigen: mit dem, was ich essen könnte, was ich irgendwann ausprobieren möchte oder worauf ich mich schon Tage vorher freue. Ich schaue Kochshows und Tutorials manchmal beinahe suchtartig, während ich mir ausmale, wie ich all diese Gerichte selbst zubereiten würde. Dass sich in meiner Parfumsammlung außerdem auffallend viele Gourmanddüfte befinden, überrascht vermutlich niemanden.
Für dieses permanente gedankliche Kreisen ums Essen gibt es einen eigenen Begriff: Food Noise. In der öffentlichen Diskussion taucht er neuerdings oft im medizinischen Kontext auf, vor allem im Zusammenhang mit Abnehmspritzen wie Ozempic. Neben einer erheblichen Gewichtsabnahme berichten viele Anwender, dass mit der Einnahme auch die ständige parallele Beschäftigung mit Essen verstumme. Viele empfinden das als Erleichterung, manche jedoch auch als Verlust. Denn Food Noise ist für etliche Menschen kein Ausnahmezustand, sondern normaler Alltag. Ein permanenter Gedankenprozess, der wie ein geöffneter Browser-Tab im Hintergrund läuft und erst auffällt, wenn er nicht mehr stattfindet. Wissenschaftliche Studien über Geruch und Gedächtnis zeigen, wie eng unser Gehirn olfaktorische Reize mit Erwartung und Vorfreude verknüpft. Der Geruch von frischem Brot löst nicht nur eine Erinnerung aus, sondern auch konkrete Erwartung, Vorfreude und Begehren. Unser Körper macht sich bereit … für etwas, das dann möglicherweise doch nicht kommt. In dieser Lücke zwischen Reiz und Belohnung sitzt Food Noise.
Sowohl Nahrungsmittel- als auch Unterhaltungsindustrie haben das längst verstanden: Kochshows sind kein Lehrprogramm, sondern sensorisches Entertainment. Während die Kamera in Nahaufnahme zischend die gebräunte Butter zeigt und der Honig in Zeitlupe vom Löffel fällt, essen wir nicht, sondern schauen zu. Unser Gehirn aktiviert dieselben Belohnungssysteme, die auch beim tatsächlichen Essen aktiv wären. Die Vorfreude wird zur eigenen Form von Genuss. Das Internet hat dieses System skaliert. Rezept-Apps, Food-Blogs, TikTok-Küchen und Instagram-Tableaus machen kulinarische Reize heute permanent verfügbar. Man kann stundenlang Pasta-Rezepte konsumieren, ohne Hunger zu haben, Zutaten zu besitzen oder den Herd einzuschalten. Das Zuschauen wird zur Handlung. Psychologen sprechen von „vicarious consumption" – stellvertretendem Konsum. Bereits das Beobachten oder gedankliche Vorwegnehmen von Essen aktiviert ähnliche emotionale Prozesse wie der Konsum selbst. Die Gewürze im Schrank, die nie gekochten Rezepte oder die gespeicherten Menüs werden deshalb nicht als Scheitern gewertet. Sie sind Teil der Befriedigung.
Ist der rasante Aufstieg von Gourmand-Düften also kein Zufall, sondern lediglich die olfaktorische Antwort auf Food Noise? Spätestens seit Mugler 1992 „Angel“ lancierte, gehören Gourmands zur modernen Parfumgeschichte. Krokant, Schokolade und Zuckerwatte waren damals eine olfaktorische Provokation, die erst verstörte und heute als Klassiker gilt. Trotzdem galten edible scents jahrzehntelang als guilty pleasure: zu süß, zu direkt, zu wenig sophisticated. Inzwischen gehören sie zu den am schnellsten wachsenden Kategorien im Nischensegment. Croissant, Popcorn, Crème brûlée oder Pistachio Latte – viele Gourmand-Düfte riechen heute buchstäblich nach Desserttheke. Und sie verkaufen sich außerordentlich gut. Gleichzeitig befindet sich ein erheblicher Teil der westlichen Kultur in einem nahezu obsessiven Körperprojekt. Die Fixierung auf extrem schlanke Körperbilder und offensive Selbstkontrolle prägen den aktuellen Zeitgeist. Nie war der Druck, dünn zu sein, sichtbarer und Essen zugleich so präsent. Vielleicht erklärt das den Erfolg der Gourmands: Je stärker realer Konsum kontrolliert wird, desto attraktiver wird seine Phantasie. Das ist kein Widerspruch, sondern logisch.
Unser Genuss verschiebt sich und sucht sich einen anderen Kanal. Die Nase bekommt, was der Mund nicht darf. Ein Duft hat keine Kalorien, aber er aktiviert dasselbe System, dieselbe Erinnerung, dasselbe Begehren. Also sammeln wir Rezepte, die nie gekocht werden, kaufen Gewürze für Gerichte, die im Kopf bleiben, und tragen Düfte, die nach allem riechen, was wir begehren – ohne es konsumieren zu müssen. Food Noise auf unserer Haut.
Bon appétit.


