Die Erfindung der Feige

September 15, 2026

Wie die Parfümerie aus einer Frucht eine Landschaft machte

Vor ein paar Wochen bin ich über ein Rezept gestolpert: Pinsa – diese luftig-knusprige italienische Verwandte der Pizza – mit Feigen, Gorgonzola und Walnüssen. Der Herbst kündigte sich an und ich bin Gorgonzola-Fan. Also Rezept heruntergeladen und beste Freundin eingeladen. Die Pinsa gab es überraschenderweise sogar beim Aldi. Anders als vermutet waren die frischen Feigen die eigentliche Herausforderung. In mehreren Supermärkten begegnete man meiner Frage mit ratlosen Blicken oder verwies mich auf die Trockenobstabteilung. Ich war schlicht etwas zu früh dran: Frische Feigen haben bei uns vom Spätsommer bis in den Herbst Hochsaison. Wenig später wurde ich dann endlich fündig. Blauviolett und dunkelsamtig lagen sie einzeln verpackt wie kleine Kostbarkeiten im Obstregal.

Warum ich das alles erzähle? Das Bemerkenswerteste an meiner Suche war nicht, dass ich zunächst keine Feigen fand, sondern wie wenig selbstverständlich die Frucht hierzulande offenbar ist. Selten ist sie keineswegs. Doch frische Feigen sind empfindlich, leicht verderblich und müssen reif geerntet werden, da sie nicht nachreifen. Denkbar schlechte Voraussetzungen also für ein dauerhaft rentables Angebot im Handel. Kein Wunder, dass viele Menschen in Nordeuropa Feigen als Obst vor allem getrocknet kennen: Sehr süß, zäh und eher eine Erinnerung an weihnachtliches Früchtebrot als an einen Sommer am Mittelmeer.

Historisch betrachtet ist das fast kurios. Feigen gehören zu den ältesten Kulturpflanzen der Menschheit. An einer jungsteinzeitlichen Fundstätte im Jordantal entdeckten Archäobotaniker über 11.000 Jahre alte Feigen, die als sehr frühes Zeugnis gezielten Pflanzenanbaus gelten. Als Duftnote hingegen ist uns die Feige erstaunlich vertraut. Feigendüfte gehören seit Jahrzehnten zum festen Repertoire der Parfümerie. Mit anderen Worten: Eine Feige im Parfumregal ist vielen von uns wesentlich vertrauter als in der Obstabteilung. Allerdings: Ein Feigenakkord riecht in den seltensten Fällen wie die Frucht. Frische Feigen duften eher zurückhaltend und schmecken mild und süß. Der typische Feigenakkord hingegen erzählt häufig vom ganzen Baum: Von grünen Blättern, milchigem Pflanzensaft, hellem Holz und einer weichen, cremigen Imagination der Frucht.

Wie bei den meisten Früchten lässt sich auch aus der Feige kein ätherisches Öl gewinnen. Natürliche Fruchtöle stammen in der Parfümerie vor allem aus den Schalen von Zitrusfrüchten. Apfel, Birne, Pfirsich oder Feige hingegen werden als Akkorde aus verschiedenen Duftnoten komponiert. Bei der Feige sind dies meist grüne Duftstoffe, die den Eindruck von Blatt und Pflanzensaft erzeugen, während Lactone für die milchige, bisweilen kokosartige Cremigkeit sorgen. Dazu kommen je nach Interpretation fruchtige Noten und meist helle Hölzer. Das allein erklärt allerdings noch nicht, warum wir bei Pfirsich oder Birne meist an die Frucht denken, bei Feige dagegen häufig den ganzen Baum und nicht selten die ganze Landschaft. Warum riechen Feigendüfte so oft nach Blatt, Milchsaft und Holz - und nur selten wie die Frucht?

Die Antwort auf diese Frage hat zumindest in der modernen Parfümerie ein ziemlich genaues Datum. Bis in die frühen Neunzigerjahre war Feige als eigenständiges Duftthema kaum präsent. Das änderte sich mit zwei Düften der französischen Parfumeurin Olivia Giacobetti: „Premier Figuier“ für L’Artisan Parfumeur erschien 1994, zwei Jahre später folgte „Philosykos“ für Diptyque. Beide behandelten Feige nicht wie eine klassische Fruchtnote: Kein Obstkorb, keine Süße zum Anlehnen, sondern ein Baum im Wind, mit Blatt, Holz und Pflanzensaft.

„Premier Figuier“ gilt als Auftakt des modernen Feigentrends; „Philosykos“ wurde zu dessen bekanntestem Referenzpunkt und ist bis heute - dreißig Jahre später - im Sortiment. Was Giacobetti damit schuf, war streng genommen nicht nur ein neues Duftbild, sondern eine neue olfaktorische Erzählung: Die Frucht als Landschaft. Viele Feigendüfte basieren bis heute auf diesem olfaktorischen Grundgerüst aus Blatt, Milch und Holz.

Es hätte also durchaus anders kommen können. Wäre der erste stilbildende Feigenduft eine süße, dunkle, saftige Fruchtkomposition gewesen, würden wir unter einem Feigenduft heute möglicherweise etwas anderes verstehen. Stattdessen begegnete uns die Feige seit den Neunzigerjahren als transparentes, grünes Landschaftsbild. Diese Interpretation war so erfolgreich, dass aus ihr eine Konvention wurde. Nicht die Frucht hat unsere Vorstellung vom Duft einer Feige geprägt - der Feigenduft hat unsere Vorstellung von der Frucht geprägt.

Dass ausgerechnet eine derart abstrakte Note zum Klassiker wurde, ist übrigens kein Widerspruch, sondern sozusagen die Pointe. Feige funktioniert, weil sie keiner eindeutigen Zuschreibung folgt: Süß, aber selten bonbonhaft; grün, aber nicht sportlich-frisch; cremig, aber kein Gourmand; sinnlich, aber nicht offensiv. Die Feige weigerte sich erfolgreich, als eindeutig feminin oder maskulin gelesen zu werden. Sie passte in den Neunzigerjahren ebenso zur minimalistischen Gegenbewegung wie heute zum Green-Trend und zu milchig-gourmandigen Kompositionen. Und sie hat in dreißig Jahren nie so verbraucht gewirkt wie Kirsche oder zuletzt Pistazie.

Im Unterschied zu anderen Fruchtnoten haben wir beim Riechen von Feigennoten weniger konkrete Assoziationen und Erinnerungen als vielmehr eine kollektiv geteilte Bildwelt: Die weiße Steinmauer, der Baum im Schatten, das Licht am Mittelmeer. Bilder, die wir so oft gesehen haben, dass sie uns beinahe wie eigene Erinnerungen vorkommen. Ein Feigenduft riecht damit nicht unbedingt nach etwas, das wir selbst erlebt haben, sondern nach etwas, das wir längst zu kennen glauben. Eine Erinnerung, die nicht zurückgeholt, sondern komponiert und in kleine, hübsche Flakons abgefüllt wird. 

Für die meisten von uns sind Feigenbäume keine Kindheitserinnerung, sondern Teil unserer Vorstellung vom Süden. Wir lieben also womöglich gar nicht die reale Feige, sondern das Bild, das die Parfümeure für uns entworfen haben. Vielleicht ist gerade das der besondere Reiz von Feigendüften: Sie sind grün und subtil, sie wirken gepflegt und sind meist genderneutral codiert. Sie duften nach Sommer, ohne nach Sonnencreme zu riechen. Sie haben latent gourmandig wirkende cremige Noten, riechen jedoch nicht essbar. Stattdessen sind Feigendüfte Urlaub für unser Gehirn. Und mehr kann man nun wirklich nicht von einem Parfum erwarten.

Christiane Behmann

Christiane Behmann


Christiane Behmann ist Diplom Sozialwissenschaftlerin und Texterin. Nachdem sie lange Jahre als Pressereferentin für verschiedene Unternehmen tätig war, wagte sie 2000 mit einer eigenen Werbeagentur den Schritt in die Selbständigkeit. 2007 gründete sie das „Archiv für Duft & feine Essenzen“ und war damals eine der ersten Bloggerinnen Deutschlands. Seit 2009 war sie außerdem Inhaberin vom Duftcontor in Oldenburg und arbeitet jetzt wieder in ihrem alten Beruf.