In den 80er Jahren tauchte auf unserem Schulhof eine Gruppe von Mitschülern auf, die sofort auffiel - und natürlich auch auffallen wollte. Ihre Codes waren unverwechselbar: Poloshirts und Segelschuhe, Karottenjeans und Kaschmirpullover. Die Label hießen Lacoste, Aigner, Esprit, Benetton oder Timberland. Am Wochenende fuhr man nach Sylt oder Norderney - zum Golfen, Segeln oder Surfen. Während die Jungs nach Lagerfeld oder Fahrenheit rochen, trugen die Mädchen Cristalle von Chanel oder Vu von Ted Lapidus. Die Popper machten aus ihrer Begeisterung für Statussymbole und teure Marken keinen Hehl. Im Gegenteil: Sichtbarkeit gehörte damals zum Konzept. Sie waren präsent. Und sie polarisierten. Man lehnte sie ab oder wollte dazugehören. Ihr Credo: Erfolg, Wohlstand, Karriere und Aufstieg.
Heute, vierzig Jahre später frage ich mich manchmal, ob ich denselben Menschen heute wieder begegne. Wer an einem sonnigen Tag auf Norderney an der Milchbar oder der Weißen Düne vorbeikommt, erlebt gelegentlich eine Art Déjà-vu. Dort sitzen sie zu jeder Tageszeit: Silbermelierte Herren in rosafarbenen Poloshirts, den Kaschmirpullover lässig über die Schultern gelegt. In ihrer Gesellschaft sportlich-elegante Frauen gleichen Alters in Weiß, Creme oder Buttergelb. In der Hand ein Aperol Spritz oder ein eisgekühlter Rosé. Früher war diese Szenerie für mich ein Zufall. Oder ein modischer Trend. Inzwischen bin ich mir nicht mehr sicher. Zu perfekt abgestimmt. Zu vorhersehbar. Und zu sehr aus einem Guss. Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr erscheint mir diese Gruppe wie die Fortsetzung einer Geschichte, die Jahrzehnte zuvor auf deutschen Schulhöfen begann. Ob damals zwischen Klassenzimmern und Fahrradständern oder heute im Strandkorb mit Blick auf die Nordsee - in beiden Fällen geht es um Sichtbarkeit. Aber die die Botschaft hat sich verändert. Den Poppern damals ging es um Aufstieg, die Silver Liner auf Norderney sind ankommen.
Lange Zeit kannte unsere Gesellschaft für Menschen jenseits der sechzig vor allem eine Rolle: alt. Während Jugendkulturen analysiert, vermarktet und stilisiert wurden, verschwanden ältere Menschen in einer grauen Sammelkategorie namens „Rentner“. Farblos, unauffällig, uninteressant. Nicht stilprägend, nicht begehrenswert, kulturell kaum relevant. Das hat sich grundlegend geändert. Die Werbe- und Marketingwelt hat inzwischen eine ganze Reihe Begriffe für diese Generation erfunden: Best Ager, Golden Agers, Active Seniors, Ageless Consumers oder Silver Generation. Auffällig ist dabei weniger, was diese Begriffe sagen, als das, was sie vermeiden: das Wort „alt“. Und genau darin steckt eine bemerkenswerte Verschiebung. Menschen jenseits der sechzig gelten plötzlich nicht mehr als Randgruppe des gesellschaftlichen Lebens, sondern als kaufkräftige, sichtbare und gesellschaftlich relevante Zielgruppe. Sie reisen, konsumieren, gestalten Wohnungen, kaufen Mode, besuchen Restaurants und interessieren sich für hochwertigen Luxus. Vor allem aber verkörpern sie etwas, das in einer zunehmend hektischen Gesellschaft luxuriös wirkt: Sie haben Zeit und Geld.
Die Silver Liner zeigen uns eine Vision davon, wie ein gelungenes Leben aussehen könnte. Ihre Erkennungszeichen sind nicht zufällig und funktionieren wie die Codes jeder anderen Peer Group auch. Die Silver Liner verkörpern ein Ideal, an dem sich andere orientieren. Kein Mann zieht morgens ein rosafarbenes Poloshirt an und denkt dabei: „Heute reflektiere ich die semiotische Bedeutung von Pastelltönen im postindustriellen Kapitalismus". Menschen übernehmen keine Farben. Sie übernehmen Lebensentwürfe. Sie orientieren sich an Menschen, denen sie ähnlich sein möchten. An Menschen, die offenbar etwas erreicht haben, das erstrebenswert erscheint. Früher waren das vielleicht erfolgreiche Unternehmer, Politiker oder Fernsehmoderatoren. Heute sind es Menschen, die etwas anderes verkörpern: Zeit, Gelassenheit und die Freiheit, einen Dienstagvormittag auf einer Terrasse zu verbringen, ohne dabei das Gefühl zu haben, eigentlich etwas Produktiveres tun zu müssen.
Allerdings wäre es ein Fehler, die Silver Liner mit dem Alter schlechthin zu verwechseln. So sichtbar diese Gruppe ist, so wenig entspricht sie der Lebensrealität vieler Menschen ihrer Generation. Die Terrasse der Weißen Düne auf Norderney erzählt nicht nur eine Geschichte über das Alter. Sie erzählt auch eine Geschichte über Wohlstand, stabile Erwerbsbiografien und finanzielle Sicherheit. Wer dort sitzt, verfügt häufig über etwas, das keineswegs selbstverständlich ist: Zeit, Geld und gesundheitliche Freiheit. Vor allem aber handelt es sich um eine Momentaufnahme. Die Generation, die heute als Best Ager oder Silver Liner vermarktet und hofiert wird, konnte oft noch von Bedingungen profitieren, die für viele Nachfolgende längst keine Selbstverständlichkeit mehr sind. Denn Arbeitslosigkeit, prekäre Beschäftigungsverhältnisse, unterbrochene Erwerbsbiografien und sinkende Rentenerwartungen werden die Unterschiede im Alter künftig eher vergrößern als verkleinern.
Doch vielleicht liegt genau darin ihre kulturelle Bedeutung. Die Silver Liner müssen nicht repräsentativ sein, um zu wirken. Sie sind Sehnsuchtsfiguren und geben uns eine Vorstellung davon, wie unser Leben im Alter aussehen könnte. Wir neigen dazu, kulturelle Codes zu übernehmen. Nicht weil wir die Farbe Rosa besonders lieben oder rosafarbene Kaschmirpullover schön finden. Sondern weil solche Codes ein Versprechen in sich tragen: Freizeit, Wohlstand, Gelassenheit und die Vorstellung eines gelungenen Lebens. Was wir übernehmen, sind deshalb selten die Dinge selbst, sondern die Bedeutung, die wir ihnen zuschreiben.
Doch auch die Wirkung solcher Symbole hat ihre Grenzen. Der rosafarbene Kaschmirpullover und ein dreihundert Euro teurer Duft verändern unser Leben nicht. Sie machen aus einer kleinen Rente weder ein respektables Vermögen noch aus einem durchschnittlichen Alltag eine Luxusbiografie. Aber sie beeinflussen unsere Selbstwahrnehmung, unser Wohlbefinden und das Gefühl, auf der Sonnenseite des Lebens zu stehen - und sei es auch nur für einen kleinen Moment. Und das ist doch auch etwas.


