Die Poesie der Langeweile

July 07, 2026

Einfach nur rumsitzen und nichts tun ist nicht meine Stärke. Im Gegenteil, ich kann eher Multitasking als Achtsamkeit: Ich schaue einen Film und beantworte gleichzeitig Nachrichten. Ich bearbeite Bilder und höre Podcasts, und nicht selten schlafe ich bei laufendem Stream ein. Ich weiß, dass das nicht wirklich gut ist, aber für etwaige Wartezeiten benötige ich mein iPhone.

Allerdings hat mich die kürzliche Hitzewelle buchstäblich in unseren schattig-grünen Garten gezwungen. 38 Grad im Arbeitszimmer unterm Dach sind einfach zu viel, dann lieber ohne Netz in der grünen Höhle am Gartenteich. Der erste Impuls: das iPhone; der zweite, es einfach mal liegen zu lassen. Was folgte, war eigentlich nichts Besonderes. Nur Licht zwischen den Blättern, unbestimmte Tiergeräusche in der Hecke, ein fernes Auto – und Stille. Und irgendwo dazwischen meine Ungeduld und Unruhe, die nur sehr langsam verschwinden wollte, selbst wenn die Hitze dabei durchaus hilfreich war.

Warum fällt es uns eigentlich so schwer, die Stille und das Nichtstun auszuhalten? Warum beginnen wir, kaum, dass eine Sekunde mal frei ist, sie sofort wieder zu füllen? Ein Podcast auf dem Weg zur Arbeit, Musik beim Spaziergang, ein kurzer Blick aufs Handy beim Essen. Automatismen, die sich einstellen, sobald irgendwo eine Lücke entsteht. Weil Langeweile droht. Weil Stille uns nervös und Ruhe uns zappelig macht. Nur wenige Worte haben einen schlechteren Ruf als Langeweile. Langeweile gilt als leere und verschwendete Zeit, als Zeichen dafür, dass gerade nichts Interessantes oder Wichtiges passiert. Und als etwas, das möglichst schnell beseitigt werden muss.

Vielleicht hätte Marcel Proust darüber gelacht. Sein gesamtes Werk „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" beruht auf der Überzeugung, dass die eigentliche Erfahrung nicht in den großen Ereignissen liegt, sondern in den Zwischenräumen. Mehr als dreitausend Seiten, die sich mit schlaflosen Nächten oder Nachmittagen ohne Verabredung beschäftigen. Momente des Nichtstuns, in denen im heutigen Sinne kaum etwas „passiert". Stattdessen beschäftigt sich Proust mit den Momenten, in denen der Geist – endlich unbeschäftigt – plötzlich empfänglich wird für einen Geschmack, einen Geruch, ein Licht – und darin die Erinnerung an eine scheinbar verlorene Zeit wiederfindet. Bei Proust entsteht Erinnerung und Inspiration nicht auf Kommando. Sie meldet sich vor allem in den Pausen, die wir heute fast reflexhaft schließen. Dabei wird allzu schnell vergessen, dass man sich nicht in eine Erkenntnis hineinscrollen kann. Man muss ihr einen freien Moment lassen, damit sie entstehen kann.

Die Römer nannten diesen freien Moment der Muße „otium". Im Gegensatz zu der Zeit, die dem Broterwerb, dem „negotium", gehört. Otium war kein Mangel, sondern eine Kulturleistung: die Voraussetzung für Philosophie, für Dichtung, für Gedanken, die sich nicht erzwingen lassen. Erst viel später wurde aus der freien Zeit ein Verdachtsfall – etwas, das gerechtfertigt werden muss, weil es keinen Zweck vorweisen kann. Muße ist also keine leere Zeit, sondern die einzige Zeit, die wirklich uns gehört – weil sie niemandem sonst dient. Nur ist die Ausgangslage heute eine andere als im antiken Rom. Otium musste man sich damals leisten können – Zeit, die nicht der Arbeit gehörte, war ein Privileg. Uns fehlt es nicht an Zeit, sondern an der Fähigkeit, sie auszuhalten. Die Lücke ist da. Wir schließen sie nur, bevor sie sich überhaupt zeigen kann. Das ist kein Zufall, sondern Kalkül. Kaum eine App, kein Feed, ist so gebaut, dass Pausen entstehen dürfen. Im Gegenteil: Jede Sekunde ohne Reiz gilt als verlorene Sekunde, als Gelegenheit, die man besser hätte nutzen sollen. Man muss die eigene Unruhe schon aktiv verteidigen, um sie sich zu erlauben. Vielleicht ist genau das die eigentliche Kunst der Langeweile heute – nicht das Nichtstun an sich, sondern der Widerstand gegen die permanente Einladung, es doch zu lassen.

Und genau darin unterscheidet sich Muße von der Zerstreuung, mit der wir sie heute meist verwechseln. Zerstreuung füllt die Lücke. Muße lässt sie offen – und genau diese Offenheit ist es, in der sich etwas zeigt, das man nicht bestellen kann. Langeweile ist also nicht spektakulär. Sie produziert weder Schlagzeilen noch Erinnerungsfotos. Sie lässt sich nicht messen und nur schwer erzählen. Aber gerade deshalb eröffnet sie einen Raum, den wir fast verloren haben. Einen Raum, in dem unsere Gedanken auftauchen und fließen dürfen, ohne sofort bewertet zu werden. Wir sollten die wenigen freien, ungeplanten Momente deshalb nicht als Mangel betrachten, sondern als Einladung. Nicht jede Pause muss gefüllt werden. Wir müssen nur wieder lernen, sie auszuhalten.

Nicht immer das große Spektakel zu wollen, sondern auch flüchtige und kleine Momente als Freiraum zu genießen und im Proust'schen Sinne als Erinnerung zu bewahren. Und vielleicht berühren uns gerade deshalb poetische Parfums. Nicht weil sie den großen Auftritt zelebrieren, sondern weil sie – wie Prousts berühmter Keks – den Anstoß zu etwas Größerem geben können. Einer Erinnerung. Einer Stimmung. Einem Gedanken, der längst vergessen schien. Vorausgesetzt, wir nehmen uns die Zeit, ihn wahrzunehmen.

Christiane Behmann

Christiane Behmann


Christiane Behmann ist Diplom Sozialwissenschaftlerin und Texterin. Nachdem sie lange Jahre als Pressereferentin für verschiedene Unternehmen tätig war, wagte sie 2000 mit einer eigenen Werbeagentur den Schritt in die Selbständigkeit. 2007 gründete sie das „Archiv für Duft & feine Essenzen“ und war damals eine der ersten Bloggerinnen Deutschlands. Seit 2009 war sie außerdem Inhaberin vom Duftcontor in Oldenburg und arbeitet jetzt wieder in ihrem alten Beruf.