Parfum ist selten Privatsache

March 13, 2026

Duftwolken, Tomatensaft und die Kunst der Duftetiquette.


Die erste Urlaubswelle ist im vollen Gange, denn in zwei Wochen ist Ostern. So Gott und das streikende Flugpersonal will, füllen sich Flughäfen und Urlaubsflieger. Je nach Destination richtet sich jeder auf ein paar entspannte Stunden zwischen Wolken und Zeitzonen ein - mit Buch, Kopfhörern und möglicherweise einem Glas Tomatensaft. Und oft auch mit jeder Menge Duft in der Luft.


Während bei der Kleidung der Fokus heutzutage auf Bequemlichkeit liegt, gehört ein Duft für viele zum festen Reise- und Aufbruchritual. Ein Sprühstoß vor dem Gate, ein zweiter im Duty Free und ein letzter vor dem Boarding - und die Duftwolke macht wett, was an Bekleidung mitunter fehlt. Sei es als persönliches Statement oder als vertrauter Duftkokon: Ein Parfum markiert für viele den Start in den Urlaub. Das Problem ist nur: In einer Flugzeugkabine ist man nie allein - und ein Parfum nur selten privat. Was für den einen nach Freiheit, Fernweh oder Wohlfühlen riecht, kann für andere zwei oder drei Sitzreihen weiter schnell zu einer unangenehmen Belästigung werden - wenn man Pech hat, acht Stunden lang, ohne Fluchtmöglichkeit. Denn ein Parfum beansprucht Raum - und ungefragt den der Mitreisenden gleich mit.


Dabei verändert sich an Bord eines Flugzeugs interessanterweise nicht nur unser Reisegefühl, sondern auch unsere Wahrnehmung. Beispielsweise schmeckt der beliebte Tomatensaft im Flugzeug anders als zu Hause - runder, süßer, einfach besser. Der Grund: niedrigerer Luftdruck, trockene Kabinenluft, aber auch das permanente Hintergrundgeräusch der Turbinen dämpfen unsere Sensibilität für Süße und Salz und lassen die Aromen im Tomatensaft stärker hervortreten. Beim Parfum passiert etwas Ähnliches. Unser Geruchssinn arbeitet in der trockenen Kabinenluft weniger differenziert, feine Nuancen verschwinden schneller, während Basisnoten wie Amber, Moschus oder Oud länger wahrnehmbar bleiben. Ein Duft kann deshalb schwerer oder auch plumper wirken, obwohl er eigentlich komplex komponiert ist. Gleichzeitig befinden sich im Flieger viele Menschen über Stunden auf engem Raum. Kein Wunder also, dass sich manchmal eine Duftgemengelage entwickelt, gegen die auch die beste Klimaanlage wenig ausrichten kann. Zehn Stunden neben einer überdosierten Wolke Hypnotic Poison machen dem Namen dann tatsächlich alle Ehre – allerdings nicht ganz so, wie ursprünglich gedacht.


Hier beginnt die Duftetiquette. Gemeint ist damit die Kunst, ein Parfum nicht nur für sich selbst zu tragen, sondern auch den Raum mitzudenken, den man mit anderen teilt. Unter Parfumexperten geht es meistens vor allem um zwei Begriffe: Projektion und Sillage. Projektion beschreibt, wie weit ein Duft vom Körper abstrahlt. Sillage - ursprünglich ein Begriff aus der Seefahrt - meint die Spur, die ein Duft hinterlässt, wenn man sich bewegt. Beide Begriffe gelten heute fast automatisch als Qualitätskriterium: Je stärker und länger ein Duft wahrgenommen wird, desto besser ist die Qualität. Zumindest glauben das viele. Doch diese Vorstellung greift zu kurz. So enthält ein Extrait de Parfum zwar eine höhere Konzentration an Duftstoffen als ein Eau de Toilette, doch das bedeutet nicht automatisch, dass der Duft länger hält oder stärker abstrahlt. Es gibt körpernahe Extraits und es gibt Eau de Toilettes mit erstaunlicher Präsenz. Aber: Ein Paukenschlag ist laut, jedoch noch lange kein Konzert. Wie in der Musik bedeutet Lautstärke nicht zwangsläufig Qualität. Entscheidend sind die Komposition, die Qualität der Duftstoffe sowie das gekonnte Zusammenspiel von Noten und Akkorden. Die wahre Kunst der Parfümerie liegt oft darin, den berühmten „Hauch von Nichts“ möglichst lange auf der Haut zu halten.


Das führt zu einer einfachen, aber oft übersehenen Frage: Kontext. Ein Duft existiert nie nur für sich. Er ist immer auch Teil einer Situation. Was auf einer Party elektrisierend wirkt, kann im Theater schnell zum Störgeräusch mutieren. Ein opulenter Gourmandduft, der auf der Tanzfläche perfekt funktioniert, mischt sich beim Dinner womöglich ungefragt ins Menü ein. Duftetiquette bedeutet deshalb keineswegs, weniger Parfum oder ausschließlich leichte Düfte zu tragen, sondern sensibler mit der Wirkung und Wahrnehmung in unterschiedlichen Situationen umzugehen. Alles hat seine Zeit und seinen Ort. Das richtige Timing entscheidet oft darüber, wie ein Duft wahrgenommen wird. 


Wer am Abend zunächst ein Dinner im Restaurant plant und später noch auf eine Party geht, muss sich nicht zwingend für einen einzigen Duft entscheiden der jede Eventualität abdeckt. Man kann Parfum auch bewusst inszenieren. Ein subtiler, hautnaher Duft ist beispielsweise eine hervorragende Begleitung beim Dinner – etwa ein transparenter Moschus, ein feines Holz oder eine sanft pudrige Iris. Später, wenn der Abend sich verlagert, lässt sich diese Basis mit einem zweiten Layer an die neue Situation anpassen. Etwa indem man beispielsweise ein hautnahes Solid Perfume zum Dinner trägt und diesem später mit einem passenden Parfumspray mehr Präsenz verleiht. Einige Marken wie Sabé Masson bieten ihre Düfte praktischerweise sowohl als feste Parfums als auch als Liquids an. Auch eine parfümierte Bodycream kann als Basis für einen langen Abend dienen. Sie hält lange auf der Haut, ohne zwangsläufig stark zu projizieren, und lässt sich später mit einem passenden Duft verstärken oder variieren. Manche haben dafür sogar eine kleine Travel Size in der Tasche. Im Grunde bleibt es so der gleiche Duft - nur in einer anders dosierten Lautstärke. Duftlayering ist ebenso einfach wie kreativ.


Vielleicht ist das der eigentliche Kern von Duftetiquette: keine starren Regeln, sondern Aufmerksamkeit und Empathie. Ein Parfum ist ein Ausdruck unserer Persönlichkeit, aber auch eine soziale Geste. Es begleitet uns - aber eben auch die Menschen um uns herum. Und damit bleibt am Ende eine alte Frage, die bei Duftliebhabern nie ganz verschwindet: Trägt man einen Duft nur für sich - oder auch für andere? Für mich gilt beides. Ich möchte mich wohlfühlen, aber eben manchmal auch ein Statement setzen. Denn Parfum ist vielleicht das persönlichste Accessoire, das ich trage - und zugleich das einzige, das ich mit anderen teile.

Christiane Behmann

Christiane Behmann


Christiane Behmann ist Diplom Sozialwissenschaftlerin und Texterin. Nachdem sie lange Jahre als Pressereferentin für verschiedene Unternehmen tätig war, wagte sie 2000 mit einer eigenen Werbeagentur den Schritt in die Selbständigkeit. 2007 gründete sie das „Archiv für Duft & feine Essenzen“ und war damals eine der ersten Bloggerinnen Deutschlands. Seit 2009 war sie außerdem Inhaberin vom Duftcontor in Oldenburg und arbeitet jetzt wieder in ihrem alten Beruf.