Slow Living

September 25, 2026

Die Rückkehr des Analogen

Neuerdings ist mir alles irgendwie zu laut und zu hektisch. Zu viele Nachrichten, zu viele Bilder, zu viele Menschen, die dauernd etwas zu sagen haben. Nachbarn, die offenbar alle gleichzeitig ihre neuesten motorbetriebenen Errungenschaften aus dem Baumarkt an den Start bringen müssen. Sehnsucht erkennt man daran, dass etwas fehlt. Nach einer Woche an der dänischen Westküste weiß ich, was mir fehlt: Ruhe und Slow Living. Und offensichtlich bin ich damit nicht allein.

Man muss nur genauer hinsehen. Auf Instagram werden wieder Schallplatten aufgelegt. Kendall Jenner zeigt sich mit kabelgebundenen Apple EarPods, obwohl sie sich sicher etwas Moderneres leisten könnte. Prada schickt eine Kodak-Kamera als PR-Geschenk, Miu Miu gleich einen himmelblauen Walkman. Man schreibt Journal, was um vieles cooler klingt als das gute alte Tagebuch, und begeistert sich fürs Sticken und Häkeln ebenso wie für Handgetöpfertes. Ausgerechnet im Netz, wo alles auf Geschwindigkeit und den nächsten Reiz ausgelegt ist, wird plötzlich die Langsamkeit zelebriert. Natürlich hat auch das Marketing diese Sehnsucht entdeckt. „Handcrafted“, „made with love“, „authentic“ versprechen uns nicht mehr nur ein Produkt, sondern gleich eine Haltung und Seele dazu. Marketing erfindet Sehnsüchte selten aus dem Nichts, sondern erkennt Trends, verstärkt sie und verkauft sie uns anschließend für viel Geld. Doch mit Nostalgie allein lässt sich die Rückkehr des Analogen kaum erklären. Viele, die heute einen Walkman feiern, Schallplatten sammeln oder auf Film fotografieren, haben diese Dinge nie als Teil ihres Alltags erlebt. Sie wollen nicht zurück, sondern sie entdecken sie als etwas Neues.

Ich gehöre zu der Generation, die analog aufgewachsen ist und digital lebt. Ich weiß noch, wie sich Warten anfühlt: Eine Postkarte, die länger braucht, als der Urlaub dauert. Das Foto, das erst entwickelt werden muss. Autofahren nach Stadtplan und Sammelbestellungen bei Quelle. Andererseits weiß ich auch, wie schnell man sich daran gewöhnt, dass alles jederzeit verfügbar ist. Und ich weiß, was dabei verloren geht. Denn Warten steigert nicht nur die Vorfreude, sondern auch die Bedeutung der Dinge. Eine Schallplatte muss man ernst nehmen. Man fasst nicht auf die Rillen, setzt die Nadel vorsichtig auf. Sie kann knistern, zerkratzen oder einen Sprung bekommen. Und manches davon lässt sich eben nicht mit einem Update beheben. Eine alte Kamera produziert Bilder, die sich nicht fünf Sekunden später löschen und noch einmal schnell korrigieren lassen. Ein alter Sessel bekommt Kratzer, Lederfalten, Holzpatina. Diese Dinge haben ihre Eigenheiten. Und gerade dadurch bekommen sie für uns eine Identität. Vor allem aber verlangen sie etwas von uns: Aufmerksamkeit, Zeit und Sorgfalt. Wer gerade vorsichtig die Nadel auf eine Schallplatte setzt, sollte nicht gleichzeitig drei Nachrichten per WhatsApp beantworten. Vielleicht ist genau das der eigentliche Luxus: Sich die Zeit einfach nehmen zu müssen.

Diese Haltung ist für mich nicht neu. Die ersten Schuhe, die ich mir unbedingt kaufen wollte, waren ein Paar Madras-Sandalen. Sie kosteten damals 99,00 DM - für ein Paar Sommersandalen war das ein Vermögen und für meine Mutter der endgültige Beweis, dass mit mir etwas nicht stimmte. Ich glaube, sie hat anschließend fast drei Wochen kaum mit mir gesprochen. Ich wollte diese Sandalen trotzdem. Also habe ich mir mit Rasenmähen und Babysitten das Geld in Zwei-Mark-Schritten zusammengespart. Und als ich sie endlich hatte, fühlte ich mich jedes Mal besonders, wenn ich sie trug - von den Komplimenten mal ganz abgesehen. Ich besitze sie übrigens immer noch, obwohl sie mir nicht mehr passen. Es geht also nicht um Askese, sondern um den Unterschied zwischen einem bestimmten Wunsch und dem bloßen Wunsch nach Konsum. Es geht um den ideellen Wert, den Dinge für uns bekommen – einen Wert, den ein Ersatz eben nicht ohne Weiteres übernehmen kann. „Besitz belastet“, heißt es. Stimmt: Was man liebt, kann man verlieren. Aber wenn alles jederzeit ersetzbar ist, muss ich auf wenig wirklich achten. Und vielleicht ist das eine Form von Nachhaltigkeit, über die wir zu selten sprechen: Dinge nicht nur lange zu besitzen, sondern lange besitzen zu wollen. Schuhe reparieren zu lassen, statt sie einfach wegzuwerfen.

Wer eine alte Braun-Anlage betrachtet, über das Holz eines Möbelstücks streicht oder eine handgefertigte Keramik in die Hand nimmt, sieht, dass hier ein Handwerker oder Designer Entscheidungen getroffen hat. Dinge mit Handschrift. Dinge mit Seele? Natürlich ist das romantisch: Ein Sofa hat keine Seele. Das Marketing verspricht sie, aber wir verleihen sie ihm durch Gebrauch. Es bekommt Spuren, begleitet uns und wird Teil unserer eigenen Geschichte. Die Begeisterung für das Analoge ist auch eine Antwort auf die Müdigkeit gegenüber dem nie endenden Strom des Neuen. Ich kenne das aus meiner eigenen Arbeit. Meine Konsequenz: Slow Living - und auf meinem Instagram-Account Slow Content. Ich weigere mich, täglich etwas zu veröffentlichen, nur weil ein Algorithmus gefüttert werden will. Slow Living muss also nicht zwingend analog bedeuten. Ich betrachte es vor allem als eine Haltung gegenüber Zeit, Konsum, Aufmerksamkeit und auch Nachhaltigkeit.

Und damit wären wir beim Parfum. Auch dort interessiert mich zunehmend weniger, was gerade laut, erfolgreich oder algorithmustauglich ist. Interessanter sind für mich Marken, bei denen eine Handschrift erkennbar bleibt. Ein Tauer darf nach Tauer riechen, ein Parfum von Francesca Bianchi unverkennbar Francesca Bianchi sein und ein Konzept wie Sabé Masson Parfum ganz anders denken. Das muss nicht jedem gefallen. Vielleicht ist gerade das der Punkt. Auch hier interessiert mich die originäre Idee mehr als die perfekte Anpassung an den Markt. Ein Duft darf Ecken haben, irritieren und sich einer eindeutigen Einordnung verweigern. Vielleicht ist genau das seine Handschrift. Die Rückkehr des Analogen ist deshalb auch für mich keine nostalgische Sehnsucht nach einer besseren Vergangenheit. Ich will weder meine digitale Kamera abgeben noch Social Media abschaffen. Aber ich finde es wichtig, einige Dinge neu zu bewerten, die wir vorschnell für überholt hielten: Langsamkeit. Materialität. Sorgfalt. Handwerk. Dinge, die altern dürfen. Dinge, die man behalten möchte. Dinge, die nicht jederzeit ersetzbar sind. Ich brauche nicht immer das neueste Update. Manchmal hätte ich viel lieber ein Backup.

Christiane Behmann

Christiane Behmann


Christiane Behmann ist Diplom Sozialwissenschaftlerin und Texterin. Nachdem sie lange Jahre als Pressereferentin für verschiedene Unternehmen tätig war, wagte sie 2000 mit einer eigenen Werbeagentur den Schritt in die Selbständigkeit. 2007 gründete sie das „Archiv für Duft & feine Essenzen“ und war damals eine der ersten Bloggerinnen Deutschlands. Seit 2009 war sie außerdem Inhaberin vom Duftcontor in Oldenburg und arbeitet jetzt wieder in ihrem alten Beruf.